Spielertyp

Serie: Die sind ja noch jung!

Kickern im Klassenzimmer

In mehreren Beiträgen befasst sich ZWEIFÜNFDREI mit einem großen, wichtigen, jungen Thema - dem Jugend-Tischfußball. Teil 1: Chris Marks hat an seiner ehemaligen Schule eine Kicker-AG gegründet. Wir wollten vor Ort wissen, wie streng der frischgebackene Mannschafts-Weltmeister ist und was seine Tischfußball-Schüler gelernt haben.

Schulsport Tischfußball: Der 13-jährige Emre
Schulsport Tischfußball: Der 13-jährige Emre gegen die rechte Hand von Chris Marks
Packt mit an: Christopher Marks
Packt mit an: Christopher Marks gibt seine Erfahrung weiter

Der 12-jährige Christopher kickert im Örtchen Eichen, am Modell „Deutscher Meister“. Der Tisch steht im Gasthaus zum Lamm, in die ihn sein Vater mitgenommen hat. Der Vater spielt Karten, der Sohn ist vom Tischfußballspiel gefesselt. Christopher wird immer besser, spielt fortan im Jugendzentrum und sucht sich Turniere, zu denen er fahren kann.

So hat Chris Marks in den 90er Jahren angefangen. 2006 wurde er Vize-Weltmeister mit der Nationalmannschaft, heute ist er Zwölfter der Weltrangliste, amtierender Garlando-Mannschafts-Weltmeister und leitet jeden Dienstagnachmittag eine Kicker-AG an der Bertha-Suttner-Schule in Nidderau. Das ist die Schule, die er als Jugendlicher selbst besucht hat. Der 30-Jährige schreitet schnellen Schrittes vorbei am Hauptgebäude auf einen Flachbau zu. An dessen Treppengeländer lehnen schon einige Jungen. „Hallo, Herr Marks!“ Herr Marks schließt eine schwere, blaue Tür zum AG-Raum auf, wenige Sekunden später haben Emre, Pascal, Harris und Marcel bereits die Griffe eines Ullrich-Tisches in den Händen. „In einer Kneipe kriegst du kein Training hin“, meint Marks, „Schulen sind dafür ideal.“

In dem Raum gibt es Lehrerpult, Tafel, Schultische und Stühle wie einem gewöhnlichen Klassenzimmer, links an der Glasfront fallen allerdings zwei Kickertische aus der Reihe. Die Geräte gehören Marks selbst, der sie im Sommer 2009 zu Beginn des Schuljahres hierher geschafft hat. Jetzt kickern jede Woche sechs 13-jährige Schüler daran. Sie holen weit aus, schießen wie wild von der Abwehrreihe und schimpfen, wenn es nicht klappt, wie sie wollen: „Scheiße, …äh, das gibt’s doch nicht!“

Spricht Jugendsprache: Chris Marks
Spricht Jugendsprache: Chris Marks macht klare Ansagen

Emre erzählt derweil freimütig: „Ich habe gerade Ethik“. Eigentlich hat der Junge alle zwei Wochen zur AG-Zeit Unterricht, ausnahmsweise hat er sich diesmal trotzdem für die AG  entschieden. Und wer sagt, dass er hier nichts lernt? Marks berät seine Schützlinge in Sachen Ferienjobs. Nachdem der Stundenlohn fürs Zeitungsaustragen geklärt ist, gibt es noch eine Rechenaufgabe: „Und was kriegst du dann im Monat?“. Eine pädagogische Ausbildung hat er nicht, doch die sechs Jungen hat er im Griff. „Du musst deren Sprache sprechen“, meint er. „Und wenn sich einer nicht benimmt, schmeiße ich ihn auch raus“ – alles schon vorgekommen.

Die nächste Übung: Marks passt durchs Mittelfeld, die Schüler müssen blocken. Erwischen sie den Ball, gibt es einen Punkt. „Ich bin der nächste“, findet Emre – „ich war aber dran“, antwortet Harris. Aus dem Nachbarraum ertönt Klaviermusik. Der Besuch einer AG ist Pflicht, aufs Piano hatte hier keiner Lust. Beim Kickern sind sie motiviert. „Am wichtigsten ist mir, dass die Kinder vom Computer wegkommen und etwas Reales machen“, sagt Christopher Marks. Er hofft aber auch, dass vielleicht drei der Jungs der Kickerszene erhalten bleiben. Im kommenden Schuljahr wollen sie zumindest alle wieder an der AG teilnehmen. Einer der Jugendlichen lässt sich sogar in den Ferien von seinen Eltern zu Marks nach Hause fahren, dort gibt es Extra-Unterricht.

Junioren-Doppel: Pascal und Marcel (hinten) gegen Harris und Emre (vorn)
Junioren-Doppel: Pascal und Marcel (hinten) gegen Harris und Emre (vorn)

Emre berichtet, dass sein Cousin einen Kicker besitzt, an dem sie auch nach Schulschluss mit ein paar Freunden spielen. Ob er dank des Trainings schon der Beste ist? „Das ist immer sehr knapp“, meint der 13-Jährige bescheiden. Marcel, auch 13, geht in seiner Freizeit auch zum Fußballtraining und zur Jugendfeuerwehr. „Was biste fürn Fußballfan?“, fragt ihn Marks beim Essen. Der AG-Leiter hat zwei große Salami-Pizzen für die Jungs kommen lassen und für sich selbst einen Salat. Die Mensa ist geschlossen. Auch der Kickerraum ist außerhalb der AG-Zeiten leider immer verriegelt. Tischfußballspielende Lehrkräfte gibt es an der Schule nicht. „Die Lehrer machen höchstens Aufsicht, wenn ich mal keine Zeit habe“, sagt Chris Marks. 15 Euro erhält er pro Stunde – nicht mehr als eine Aufwandsentschädigung angesichts der Fahrtkosten und den von ihm gestellten Tischen.   

Versicherungsberater Marks macht die AG nicht zum Geldverdienen. Die zwei Stunden sind um, Marks sagt: „Tschüss, Jungs“ und steigt in sein Auto. „Meine Generation musste viel mehr Eigeninitiative zeigen, um Tischfußball zu erlernen“, sagt er. Das meint Marks nicht als Lob auf die gute, alte Zeit oder die Pioniere des Kickerns, sondern als Lob für die verbesserten Verhältnisse im Jugend-Tischfußball. „Das ist doch wie in anderen Sportarten auch: „Je früher du anfängst, desto besser.“

27.07.2010, Von: Holger Heitmann, Fotos: H.H.

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