Kickern lokal

Kneipentest: Hamburg

Kicker-Szene im Szene-Kiez

Nicht von der Stange
Nicht von der Stange: Schicke Garderobe in der Drei-Zimmer-Wohnung

Der Hamburger Berg ist eine Nebenstraße der Reeperbahn. Hier gibt es auf 500 Metern mehr Kickerkneipen als in mancher deutschen Großstadt. Angesagt sind Blümchentapete, Omas Sessel und rotes Licht.

Nachtlager - Wohnzimmer mit Kicker Schwierigkeitsgrad einfach

Vor vielleicht vier Jahren hat das Nachtlager noch in einer anderen Liga gespielt. Doch wo damals ein Durchgang zum Tischfußballraum mit Lehmacher war, ist jetzt eine Wand. Davor steht der einzig verbliebene Löwen Kicker mit seinen weichen Bällen. Um 22 Uhr am Freitagabend wenig Masse, wenig Klasse unter den Gegnern. Muss einen das stören? Nö. “Um halb eins ist hier alles voll”, erklärt Heiko hinter der Theke. Das glauben wir gern (auch wenn wir es später überprüft haben - Heiko hatte recht), aber es ist doch auch jetzt schon schön im Nachtlager. Das Lokal entspricht dem Phänotyp Hamburger Szenekneipe: bei Oma ausrangierte gemütlich durchgesessene, braune Sessel, beige-braune Blümchentapete und eine Discokugel über den Köpfen.

Musikempfindlich: Carsten
"Musikempfindlich": Carsten kickert zu Queens of the Stone Age

Grund genug für Carsten, das Nachtlager bereits vor vielen anderen Gästen aufzusuchen: “Ich bin etwas musikempfindlich, hier wird viel Alternative gespielt”, sagt er. Heißt: Schlager würden ihn wohl vertreiben, hier laufen Queens of the Stone Age, Mando Diao, Foo Fighters. Das sind nicht gerade Indie-Geheimtipps, aber Bands, die einen guten Kicker-Soundtrack liefern. Die Foo(s) Fighters sollen ja selbst gern zu den Stangen greifen. “Hier spielen nicht die Obercracks, es ist eher gemäßigt”, sagt Carsten noch, bevor er im Nachtlager selbst ins Geschehen eingreift. Er soll Recht behalten. Sein erster Schieber aufs kurze Toreck ist gleich ein Treffer. “Du machst das hier wohl öfter”, ist der prompte Kommentar von der anderen Tischseite. Obwohl der Hamburger Berg eine Nebenstraße der bekannteren, manchmal berüchtigten Reeperbahn ist, heißt es: “Hier gibt es weniger Gewalt”. Wir trauen uns über die Straße in die Barbarabar.  

Hamburger Berg 29, 20359 Hamburg

Geöffnet: Do-Sa ab 21 uhr

Beste Tischfußballtage: Do, weil weniger Publikum

Barbarabar - Die Bar der Bars Schwierigkeitsgrad mittel

Bambi, Ex-Sparr, Lunacy, Parzelle, Roschinsky’s und Rosi’s Bar haben drei Dinge gemeinsam: Alles sind Kneipen, alle haben einen Kicker, alle haben den Hamburger Berg als Adresse. Als bekannteste Kickerkneipe in der Straße gilt allerdings wohl die Barbarabar, wo schon seit mehr als acht Jahren gekickert wird. Vielleicht deswegen ist sie auch die vollste. So kämpft man beim Kickern nicht nur gegen die Gegner, sondern auch gegen die anderen Gäste. Der Lehmacher-Tisch steht direkt rechts am Eingang und wer von dort zur Theke will, rempelt den im Raum spielenden Torwart an - das führt im Wortsinne gern zu Reibereien. Links vom Eingang wird wild zu elektronischen Klängen unter der obligatorischen Discokugel getanzt. Über dem Tresen hängen Lebkuchenherzen, über dem Kicker plüschige Wandlampen.

Barbarabar
Preis für den besten Kneipennamen: Barbarabar

Die spenden das rote Licht, das dem Viertel zu seinem Namen verholfen hat. Finn aus Schleswig-Holstein war vor Jahren schon mal hier, viel verändert hat sich in der Barbarabar nicht. “Ganz geil”, meint er und hebt das günstige Bier und die relaxte Atmosphäre hervor. “Ich komme hier problemlos mit meinem Rucksack rein” - das dürfte ihm vor den Kiez-Läden um die Ecke tatsächlich nicht gelingen. So macht Finn ein entspanntes Spiel mit seiner Freundin, trinkt sein Astra und zieht bald weiter. Wir schauen noch ins Hinterzimmer von Rosi’s Bar, fordern dort am Löwen Kicker. Erst gewinnen wir haushoch, dann sind wir enttäuscht, als sich herausstellt, dass wir keine Lokalmatadoren, sondern Touristen aus Bremen besiegt haben.  

Hamburger Berg 11, 20359 Hamburg

Geöffnet: Di-So ab 20 Uhr

Beste Tischfußballtage: Di-Do, weil weniger Publikum

Aktionen: Mi DYP-Turnier ab 21 Uhr

Drei-Zimmer-Wohnung - Klassiker-Nachfolger Schwierigkeitsgrad hoch

In der Drei-Zimmer-Wohnung sollte man sich seine Gegner schon genauer aussuchen, falls man in den einschlägigen Ranglisten nicht weiter vorn zu finden ist und nicht vernichtet werden möchte. Die meisten Tischfußballer finden hier aber an einem der sechs Lehmacher-Geräte, am Lettner, Bonzini oder Tornado dem eigenen Niveau entsprechende Mitspieler. Die Kellerkatakomben der Drei-Zimmer-Wohnung sind ein deutschlandweit anerkannter Kicker-Klassiker. Sie fungieren deshalb zurecht unter der schlichten Bezeichnung “Kicker in Hamburg“. Hervorgegangen ist der Spielort aus dem Kneipenklassiker-Vorgänger Hinkelstein.

Sven Hartmann und Björn Brose (rechts)
Kicker-Urgesteine aus dem Hinkelstein: Sven Hartmann und Björn Brose (rechts)

50 Spieler an einem Wochentag-Abend sind hier üblich. Björn Brose, Topspieler und Organisator, freut sich natürlich über den Zuspruch, weiß aber auch, dass der Andrang manchmal beinahe zu groß ist. Für Turniere wie die Hamburg Open im Mai ist die Drei-Zimmer-Wohnung unverzichtbar. Damals wollten doppelt so viele Teams wie möglich teilnehmen, die 128 Angemeldeten atmeten zwischen den Spielen vor der Tür. Sogar in diesem Gewölbe trifft man auf eine rot angestrahlte Discokugel und 70er-Jahre-Tapete im Szene-Look. Auffällig sind die grünen, blumenkästenartigen Kickerleuchten und eine riesige gusseiserne Presse inmitten des Raums. Kicker-in-Hamburg-Veranstalter Rikko Tuitjer versichert glaubhaft, dass in diesem Gerät früher Dildos hergestellt wurden. Noch ein wahrgewordenes Klischee also. Kiez-Touristen und Kickerspieler kommen in Hamburg im Umkreis von weniger als einem Quadratkilometer voll auf ihre Kosten.

Talstraße 22, 20359 Hamburg

Geöffnet: Mo-Fr ab 20 Uhr

Beste Tischfußballtage: immer, wenn geöffnet

Aktionen: jeden Abend freies Spiel für 2 Euro

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